„Seit fünf Wochen ist mein Partner tot. Am Anfang habe ich funktioniert. Jetzt fühle ich mich wie außer Kontrolle. Ich weine, dann bin ich plötzlich wütend – auf ihn, auf mich, auf alles. Dann kommt wieder diese tiefe Traurigkeit. Und zwischendurch Schuldgefühle, die mich fast zerreißen. Ist das noch normal?“
Ja.
Das ist nicht nur normal – das ist die zweite Phase der Trauer.
Und sie ist für die meisten Menschen die schmerzhafteste.
Was in dieser Phase geschieht.
Nachdem der erste Schock abgeklungen ist und sich die Erstarrung der ersten Trauerphase gelöst hat, bricht der Schmerz mit voller Kraft über Dich herein.
Viele Menschen beschreiben genau das, was Du erzählst: sie haben das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Über sich selbst, ihr Leben. Der Schmerz des Verlustes trifft Dich auf einmal mit vollem Gewicht – und wirft Dich völlig aus der Bahn.
Aber es ist nicht nur der Schmerz, der aufbricht. Es sind viele verschiedene Gefühle, die in Wellen kommen und gehen. Und: sie sind auch sehr widersprüchlich.
Tiefe Traurigkeit und Niedergeschlagenheit wechseln augenblicklich zu Wut und Zorn – auf den Verstorbenen, auf sich selbst. Auf Ärzte, auf Gott, auf das Schicksal. Schuldgefühle kommen und gehen, mischen sich mit Hilflosigkeit und Ohnmacht. Eine umfassende Ruhelosigkeit und Aufgewühltheit kommt und geht – ebenso wie Momente von Freude und Dankbarkeit. Und dann die Scham darüber, dass man überhaupt positive Gefühle hat, wenn man doch eigentlich trauern „soll“.
Dein Körper regiert mit Schlaflosigkeit, Heißhunger oder Appetitlosigkeit, Unruhe und Erschöpfung.
In dieser Phase suchen viele Trauernde nach einem Schuldigen. Das gibt dem Unbegreiflichen zumindest eine Richtung. Jemanden die Schuld zu geben bedeutet, wieder handlungsfähig zu werden.
Oft taucht auch Wut auf den Verstorbenen auf – darüber, dass er Dich verlassen hat, dass Du jetzt alleine weitermachen musst, dass Unausgesprochenes für immer ungeklärt bleiben wird. Und meist erlauben sich Trauernde diese Wut nicht.
„Darf man wütend auf einen Toten sein?“
Ja, Du darfst.
Denn Wut gehört zum Trauerprozess und zur Ablösung dazu. Sie ist kein Mangel an Liebe – sondern ein direkter Ausdruck davon. Sie ist ein Teil der Liebe, die jetzt nicht mehr weiß, wo sie hin soll, eine Liebe die nun keinen Empfänger mehr hat.
Die Aufgabe in der zweiten Trauerphase.
Die zentrale Aufgabe dieser Phase lautet: den Trauerschmerz wirklich erfahren.
Das bedeutet ihn anzuerkennen, ihn durchleben – in dem Du fühlst, was Du fühlst.
Es bedeutet alles zuzulassen – die volle Bandbreite Deiner Gefühle. Und es bedeutet, den verlorenen Menschen so zu sehen wie er wirklich war – mit seinen guten Seiten und seinen Fehlern und Schwächen.
Wenn Du in dieser Phase den Schmerz auf Dauer vermeidest – durch Ablenkung, Idealisierung des Verstorbenen, durch extrem Geschäftigkeit oder durch emotionale Betäubung – riskierst Du, dass Dein Schmerz später in einer andren Form wiederkommt. Oft als Depression, als chronische Unruhe oder als körperliche Beschwerden.
Es führt kein Weg am Schmerz vorbei. Dein Trauerweg führt mitten hindurch.
Nicht, weil das Leiden einen Wert hätte, sondern weil nur das Fühlen, das Durchleben den Schmerz frei macht für das, was danach kommen kann.
Schuldgefühle in der zweiten Trauerphase.
In dieser Phase der Trauer tauchen bei fast allen Trauernden Schuldgefühle auf.
„Hätte ich doch…“, „Warum habe ich nicht…“ oder „Ich hätte wissen müssen, dass…“
Manche dieser Schuldgefühle beziehen sich auf reale und ungeklärte, auf verabsäumte Dinge in der Beziehung.
Andere sind unrealistisch und entstehen aus der Hilflosigkeit angesichts des Todes: wenn Du dir die Schuld gibst, hast Du wenigstens das Gefühl, dass Du etwas hättest tun können – und bist nicht ganz so ohnmächtig.
Schuldgefühle können aber auch der Versuch sein, die Verbindung zu Deinem geliebten Menschen aufrecht zu erhalten. Sie loszulassen fühlt sich dann an, als würde man den Verstorbenen ein zweites Mal verlieren.
Wichtig ist hier: Schuldgefühle ernst nehmen – ohne sich von ihnen vereinnahmen zu lassen.
Sei hier ganz liebevoll mit Dir selbst.
Schau Dir Deine Schuldgefühle an und prüfe: Was davon ist real? Was davon ist der Versuch, das Unkontrollierbare doch noch zu kontrollieren? Was davon ist Dein Versuch mit dem Verstorbenen in Verbindung zu bleiben?
Zweite Trauerphase: Was jetzt hilft.
In dieser Phase ist es hilfreich, wenn Du mit Menschen zusammen bist, die gut mit starken Emotionen umgehen können. Die aushalten, dass es Dir schlecht geht – ohne dich dauernd ablenken oder „aufmuntern“ zu wollen.
Sprich über Deinen Partner – auch über die schwierigen Zeiten mit ihm. Über das, was in dieser Beziehung nicht möglich war. Über das, was er Dir schuldig geblieben ist.
Stehe zu all Deinen Gefühlen, zeige sie, benenne sie – sprich aus, wie Du Dich fühlst. Auch die „unerlaubten“ wie Wut, Erleichterung und auch deine Ambivalenz.
Erlaube es dass sich die intensiven Phasen der Gefühle auch wieder beruhigen dürfen und dass Du dazwischen Zeiten und Möglichkeiten der Erholung und Entspannung findest. Und lasse Dich nicht unter Druck setzen, „schon weiter“ sein zu müssen – weder von außen noch von Dir selbst.
Was weniger hilfreich ist: Wenn Du Dich permanent ablenkst, Dir selbst vernietetest „negativ“ oder kritisch über den Verstorbenen zu sprechen. Wenn Du Dir selbst einredest, jetzt „stark“ sein zu müssen. Oder Dich mit Floskeln über Deinen Schmerz hinwegtröstest.
Du darfst in dieser Phase chaotisch sein. Deine Gefühle dürfen sich widersprechen, dürfen keinen Sinn ergeben.
Du darfst Deinen Schmerz fühlen, ohne ihn „lösen“ zu müssen. Du darfst ihn genau so sein lassen, wie er ist.
Fragen zum Innehalten und Nachspüren.
Diese Fragen laden Dich ein, nach innen zu lauschen.
Du musst sie nicht beantworten – spüre einfach nach, was sie in Dir bewegen.
- Welche Gefühle tauchen bei Dir am stärksten auf – und welche erlaubst Du Dir am wenigsten?
- Spürst Du Wut auf Deinen Partner? Wie fühlt es sich an, diese Wut zuzulassen? Und wie kannst Du ihr einen gesunden Ausdruck geben?
- Welche Schuldgefühle beschäftigen Dich am meisten? Sind sie realistisch oder eher der Versuch, die Kontrolel zu behalten?
- Was brauchst Du gerade am meisten: jemanden, der zuhört? Ruhe? Bewegung? Oder einfach die Erlaubnis, so durcheinander zu sein?
Ein Moment für Dich.
Setze oder lege Dich für einen Moment hin.
Lege eine Hand auf die Stelle in Deinem Körper, wo Du Deinen Schmerz, deine Wut, Deine Unruhe gerade am stärksten spürst.
Sag Dir leise – oder auch laut: „Dieser Schmerz darf da sein. Ich muss ihn nicht wegmachen. Ich halte und trage ihn – so gut ich gerade kann.“
Bleibe ein paar tiefe Atemzüge bei Deiner Hand, Deinem Gefühl und bei dieser Erlaubnis.
Dein nächster Schritt.
Die zweite Phase der Trauer ist anstrengend. Und manches Mal auch verwirrend und beängstigend.
Vielleicht hast Du sogar das Gefühl, dass Du untergehst.
Doch Du gehst nicht unter. Du gehst hindurch. Und Du musst das auch nicht alleine tun.
Wenn Du merkst, dass Dich die Wellen Deiner Emotionen zu sehr überfluten oder dass Deine Schuldgefühle Dich nachts nicht schlafen lassen – melde Dich gerne bei mir.
Manchmal braucht es einfach einen sicheren Raum, in dem alles gesagt und gefühlt werden darf, was sonst keinen Platz hat. Wo jemand da ist, der mitfühlt und einfach da ist für Dich.