„Ich habe vor Jahren abgetrieben. Damals dachte ich, ich habe das gut verarbeitet. Aber jetzt, wo eine Freundin eine Fehlgeburt hatte, bricht da plötzlich etwas in mir auf. Woher kommt plötzlich dieser tiefe Schmerz?“
Dein Schmerz kommt von einem Verlust, den Du nie vollständig betrauert hast. Weil der Raum dafür nicht da war.
Schwangerschaftsabbruch ist eines der am stärksten tabuisierten Trauerthemen überhaupt.
Es gibt kaum gesellschaftlichen Raum für diesen Schmerz – weil die Entscheidung oft als das Ende der Geschichte gesehen wird. Aber für viele Frauen ist sie der Anfang einer stillen, langen Trauer, die keinen Namen bekommt.
Du darfst um dieses Kind trauern. Dein Kind. Ohne Erklärung. Ohne Rechtfertigung. Ohne dass jemand Deine Entscheidung bewertet.
Zwei verschiedene Erfahrungen – ein gemeinsamer Schmerz.
Wen wir über Schwangerschaftsabbruch sprechen, meinen wir zwei sehr unterschiedliche Erfahrungswelten.
Da ist der selbstbestimmte Abbruch – getroffen unter Umständen, die von außen oft nicht sichtbar oder nachvollziehbar sind. Druck, Angst, fehlende Unterstützung, eine Beziehung die nicht trägt, eine Situation die keine andere Wahl zu lassen schien. Vielleicht ein früherer Missbrauch der es unmöglich erscheinen lässt, ein Kind zur Welt zu bringen. Oder sogar eine Vergewaltigung aus der die Schwangerschaft entstanden ist. Jede Frau trifft diese Entscheidung aus ihrem eigenen Kontext heraus. Und viele tragen danach etwas in sich, das sich nicht benennen lässt – einen leisen Kummer, der sich manchmal erst Jahre später als tiefe Trauer zeigt.
Und dann gibt es den medizinisch indizierten Abbruch. Du willst dieses Kind. Und trotzdem musst Du Dich von ihm verabschieden, weil die Diagnose keine andere Wahl lässt. Dieser Schmerz wird besonders leicht minimiert, denn „es war doch das Richtige“ sich so zu entscheiden. Aber das Richtige und das Schmerzlose sind nicht das selbe. Du hast ein Kind verloren, das Du geliebt hast.
In beiden Fällen gilt: Lasse Dich gut begleiten, bevor Du diese Entscheidung triffst. Von Deiner Ärztin, Deinem Arzt. Deiner Hebamme Deines Vertrauens. Und von einer Person, die Dir hilft, aus der Tiefe Deines Herzens heraus zu entscheiden.
Wenn der Schmerz erst Jahre später kommt.
Nicht jede Frau erlebt nach einem Abbruch sofort Trauer.
Manche spüren zuerst Erleichterung – und auch das hat seine Berechtigung. Aber bei manchen taucht der Schmerz erst viel später auf. Dieses verzögerte Trauern kennt man auch unter dem Begriff Post-Abortion-Syndrome (PAS).
Die Auslöser sind oft indirekt: eine Freundin, die eine Fehlgeburt erlebt. Ein Kind, das jetzt in etwa das Alter hätte. Ein Datum, das man nie wirklich vergessen hat. Plötzlich ist der Schmerz da – und mit ihm oft auch Scham, weil man nicht glaubt, das Recht auf diese Trauer zu haben.
Du hast dieses Recht. Vollständig.
Auch wenn es damals Dein Wunsch war, die Schwangerschaft zu beenden.
Anzeichen und Symptome des PAS.
Was sich beim PAS zeigen kann, ist vielfältig.
Manche Frauen erleben tiefe Trauer, Schuldgefühle oder Reue – manchmal auch Wut, die keinen klaren Adressaten hat. Andere beschreiben eine emotionale Taubheit, als wäre ein Teil von ihnen abgeschnitten.
Dazu können Trauma-Symptome kommen: Flashbacks, Albträume, ein inneres Vermeiden von allem, was an den Eingriff oder an das Kind erinnert.
Manchmal zeigt sich der unverarbeitete Schmerz auch körperlich – in Migräne, Schlafstörungen, Unterleibsbeschwerden, Herzrhythmusstörungen oder Magen-Darm-Problemen, ohne dass eine organische Ursache gefunden wird.
Manche Frauen haben Schwierigkeiten nach einer Abtreibung wieder schwanger zu werden. Und manchmal zeigt sich der Schmerz auch im Verhalten – als sozialer Isolation, Schwierigkeiten in der Partnerschaft oder als eine stille Erschöpfung, die sich nicht erklären lässt.
Ob diese Reaktionen anhalten, hängt von vielem ab – von den persönlichen Lebensumständen, vom sozialen Umfeld, von bereits bestehenden Belastungen. Was immer hilft: nicht alleine damit bleiben.
Auswirkung auf die Paarbeziehung.
Worüber kaum gesprochen wird: Ein Schwangerschaftsabbruch belastet Partnerschaften oft stark und langanhaltend.
Viele Paare reden kaum über das, was geschehen ist. Frauen sind oft geübter darin ihre Gefühle zu artikulieren und brauchen es, sehr viel darüber zu sprechen. Männer wissen oft nicht, wie sie ausdrücken sollen, was in ihnen vorgeht und schweigen lieber. Frauen interpretieren das oft als mangelnde Trauer, mangelnde Berührtheit. Männer empfinden Stress, wenn sie ständig über etwas sprechen müssen, das ihnen schwerfällt. Sie sind gereizt, werden wütdend und ziehen sich noch mehr zurück.
Und irgendwann, weil diese Unterschiedlichkeit zu Distanz und Missverständnissen führt, hören die Versuche auf, miteinander zu reden. Aber dieses Schweigen hat einen hohen Preis. Studien zeigen, dass ein beachtlicher Anteil der Paare nach einem Abbruch auseinander geht oder die Beziehung dauerhaft unter der unverarbeiteten Trauer leidet.
Männer trauern anders – aber sie trauern. Auch sie verlieren ein Kind. Auch sie brauchen einen Raum für diesen Schmerz, der ihnen selten angeboten wird.
Wenn Du in einer Beziehung bist: Sprecht miteinander. Nicht über die Entscheidung – sondern über den Schmerz. Das ist ein Unterschied. Und wenn ihr merkt, dass ihr nicht weiter kommt, wenn die Distanz größer wird, dann holt Euch Unterstützung.
Dem Kind einen Platz geben.
Was vielen Frauen und Paaren wirklich hilft ist, dem Kind innerlich – und auch äußerlich – einen Platz zu geben.
Das kann ein Brief sein, den Du schreibst. Ein Name, den Du ihm gibst. Ein kleines Ritual, in dem Du Abschied nimmt – ein Übergabegottesdienst, ein Gebet, ein Stein an einem Ort, der für Dich wichtig und bedeutsam ist.
Vielleicht möchtest Du eine kleine Engelsfigur in Dein Regal stellen und eine Kerze dazu. Vielleicht möchtest Du einen besonderen Anhänger oder Stein um Deinen Hals tragen.
Was sich auch immer stimmig und richtig für Dich anfühlt, geh diesem Gefühl nach.
Anlaufstellen.
Wenn Du in Österreich Unterstützung suchst, gibt es niederschwellige Anlaufstellen – wie etwa die Österreichische Gesellschaft für Familienplanung, die Frauenberatung und zahlreiche Familienberatungsstellen in ganz Österreich, die anonyme und kostenlose Beratungsgespräche anbieten.
Auch die Aktion Leben berät österreichweit vor und nach einem Schwangerschaftsabbruch. „Rachels Weinberg“ ist ein Programm zur tieferen Aufarbeitung der Folgen einer Abtreibung.
Dein nächster Schritt.
Atme tief ein. Und wieder aus.
Gib Deinem Schmerz Raum. Und diesem Kind – in Deinem Herzen und in Deinem Leben.
Und wenn Du Begleitung bei auf Deinem Trauerweg möchtest – melde Dich gerne bei mir.