Was bestimmt wie wir trauern

„Stimmt etwas nicht mit mir?“ – Was bestimmt, wie wir trauern.

„Meine Mutter ist vor neun Wochen verstorben. Und ich leide sehr. Ich vermisse sie so. Meine Schwester hat ja auch unsere Mutter verloren – aber man merkt ihr die Trauer kaum an. Sie funktioniert, hat sich im Griff, mir kommt es so vor als würde ich viel schlechter mit dem Verlust zurecht kommen als sie. Stimmt etwas nicht mit mir?“

Mit Dir stimmt alles.

Trauer ist für jeden Mensch unterschiedlich. Nicht nur die Intensität der Trauer, sondern auch die Art und Weise wie sie sich ausdrückt. Sogar der Zeitpunkt wann Deine Trauer beginnt und endet ist individuell.

Deine Trauer ist so einzigartig wie das Leben, das Du mit Deiner Mutter geteilt hast.

Und wie Du trauerst hängt von vielen Faktoren ab – Deiner Geschichte, Deiner Persönlichkeit, Deiner Beziehung zu Deiner Mutter und dem Umfeld, in dem Du lebst.

Sechs Faktoren, die Deine Trauer formen.

1 – Wer war der Verstorbene für Dich?

Die Beziehung zu Deiner Mutter ist der Kern Deiner Trauer.

Der Verlust Deines Kindes würde etwas ganz anderes in Dir berühren als der Verlust eines entfernten Verwandten. Der Verlust Deines Partners löst etwas ganz anderes in Dir aus, als der eines Freundes.

Wie nahe ihr Euch wart, welche Rolle dieser Mensch in Deinem Leben – und vor allem in Deinem Alltag – gespielt hat, welchen Platz er in Deinem Herzen hatte. All das bestimmt die Tiefe Deines Schmerzes.

2 – Wie war Eure Bindung?

Nicht nur die Art der Beziehung, sondern auch ihre innere Qualität prägt Deine Trauer. Drei Aspekte sind dabei besonders bedeutsam:

Die Tiefe der Liebe – Je stärker das Band war, das Euch verbunden hat, desto intensiver kann der Schmerz sein. Dieser Schmerz drückt aus, wie sehr Du Deine Mutter geliebt hast.

Die Bedeutung als Anker – War der Verstorbene Dein Halt, Deine Sicherheit, Dein Zuhause? Dann erschüttert sein Tod nicht nur Dein Herz, sondern auch Dein gesamtes Lebensgefühl.

Ungeklärte Gefühle – In keiner Beziehung ist alles einfach. Wo Konflikte ungelöst bleiben, wo Worte nicht ausgesprochen wurden, die gesagt hätten werde müssen, können Schuld oder Wut die Trauer erschweren. Das ist normal und es gehört dazu.

3 – Wie ist die Person gestorben?

Ein plötzlicher Tod durch Unfall oder Suizid löst völlig andere Gefühle aus, als ein langer Abschied durch Krankheit, der genug Raum für alles lässt, das noch gesagt oder getan werden will.

Plötzliche Verluste sind begleitet von starker Überforderung, von Ohnmacht und Hilflosigkeit. Dein Gehirn braucht längere Zeit, um zu realisieren, was geschehen ist. War der Tod erwartet, gab es die Möglichkeit, sich zu verabschieden – bei gewaltsamem Tod gibt es diese Möglichkeit oft nicht. Das führt dazu, dass auch dein Körper Schwierigkeiten hat, das Ableben dieses Menschen zu begreifen und zu integrieren.

Manches Mal folgt nach dem Tod eine tiefe Erschöpfung – die lange Zeit des Begleitens und Pflegens hat viel Kraft gekostet. Verbunden mit dem schuldbeladenen Gefühl, dass der Tod auch eine Erlösung war. Für den Verstorbenen. Und auch für Dich. Dieses Gefühl ist zutiefst menschlich.

4 – Welche Verluste hast Du bereits erlebt?

Frühere Verluste wirken immer in den aktuellen Schmerz hinein.

Ein neuerlicher Verlust kann alte Wunden aufreißen, die nie wirklich geheilt sind. Und er kann Trauer an die Oberfläche spülen, die viel zu lange tief vergraben war.

Jedoch kann Dich die Erfahrung, frühere Verluste gut gemeistert zu haben auch darin bestärken dich auch diesem neuen Schmerz zu stellen und ihn zu verarbeiten.

Auch Deine Lebensgeschichte spielt hier eine Rolle: hast Du andere Krisen bereits gemeistert und dabei Vertrauen in Dich selbst gefunden? Oder hast Du Erfahrungen gemacht, die dich verletzlicher gemacht haben?

All diese Aspekte formen wie Du mit dem jetzt Erlebten umgehst.

5 – Wer bist Du als Mensch?

Dein Alter, Deine Persönlichkeit, Deine Art und Weise mit tiefen Emotionen umzugehen – all das beeinflusst, wie Deine Trauer sich zeigt.

Manche Menschen weinen offen. Andere ziehen sich zurück. Manche sprechen über das, was in ihnen vorgeht. Andere schweigen und gehen nach innen um zu verarbeiten. Manche trauern durch Bewegung, durch Rituale, durch Kreativität.

Es gibt keine richtige Art zu trauern – nur Deine Art für Dich.

6 – In welchem sozialen und kulturellen Umfeld lebst Du?

Trauer findet immer in einem Umfeld statt. Und dieses Feld formt, was um Dich herum erlaubt und gerne gesehen ist – und was nicht.

In manchen Kulturen und Familien wird Trauer offen und laut gelebt – in Gemeinschaft, mit Ritualen. In anderen Umfeldern wird erwartet, dass Du funktionierst, stark bleibst, weitermachst als wäre nichts geschehen. Die Regeln und Erwartungen der Umwelten, in denen Du Dich bewegst nehmen ebenfalls Einfluss darauf, wie Du Dienen Schmerz zulassen und ausdrücken kannst.

Und dann ist da noch die Frage: Fühlst Du Dich in Deiner Trauer gesehen und gehalten? Gibt es Menschen in Deinem Leben, die Dir wirklich zuhören, wirklich da sind für Dich – ohne zu werten, ohne etwas von Dir zu erwarten?

Dein nächster Schritt.

Es gibt kein richtig oder falsch in der Trauer – nur den Weg, der für Dich stimmig ist.

Deinen Weg.

Die Liebe die Du gegeben hast. Das Leben, das Du mit Deiner Mutter gelebt hast. Das, was Du in Dir trägst, was Dich mit ihr verbindet, all das beeinflusst wie Du trauerst.

Nimm Deine Art zu trauern an, so wie sie ist – ohne Vergleich und ohne Bewertung. Dann kannst Du anfangen, Dir selbst mit der Sanftheit zu begegnen, die Du von Dir selbst brauchst.

Wenn Du spürst, dass Dir Begleitung gut tun würde, melde Dich gerne bei mir.

Von Herzen,

„Stimmt etwas nicht mit mir?“ – Was bestimmt, wie wir trauern.

Was bestimmt wie wir trauern

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