Lebendigkeit in der Trauer.

„Werde ich jemals wieder leben?“- Lebendigkeit in der Trauer.

„Seitdem meine Frau gestorben ist, fühle ich nichts mehr. Ich fühle mich wie tot – erstarrt, taub, nicht wirklich da. Nichts berührt mich. Es gibt nichts, was mich freut. Alles erscheint mir so fremd, als wäre es überhaupt nicht mein Leben. Dieser Zustand macht mir Angst. Ist das normal? Hört das irgendwann auch wieder auf?“

Ja. Es ist normal.

Und ja. Es hört wieder auf.

Der Zustand, den Du beschreibst ist Teil des Trauerweges, den Du gehst.

Diese Leere, die Sinnlosigkeit, das Gefühl nicht mehr zu wissen wer Du bist – all das ist notwendig zu durchleben, damit Du zurückfinden kannst in Deine Lebendigkeit.

Wenn der Verlust das Selbst erschüttert.

Ein geliebter Mensch stirbt – und mit ihm stirbt auch ein Teil von Dir.

Und das ist nicht metaphorisch gemeint, sondern ganz konkret. Du warst der liebevolle Ehemann, der viele Jahre an der Seite Deiner Frau gelebt hat. Für sie gesorgt hat. Mit ihr gemeinsam Eure Kinder großgezogen hat. Du warst ihr Partner, ihr bester Freund, ihr Seelengefährte.

Diese Rollen waren nicht nur etwas, das Du getan hast – sie waren ein Teil davon, wer Du bist. Und jetzt, wo die Person nicht mehr da ist, für die Du diese Rolle ausgefüllt hast, drängt eine Frage an die Oberfläche, die sich kaum in Worte fassen lässt: Wer bin ich jetzt eigentlich noch?

Diese Frage ist ein ehrlicher Ausdruck dessen, was dieser tiefe Verlust in Dir berührt. Dein Selbstbild ist zusammengeborchen. Aber nicht, weil Du zerbrechlich oder schwach bist, sondern weil die Bindung, die Du hattest, für Dich so bedeutsam, so wichtig war.

Und das Taubheitsgefühl, das Du beschreibst – dieses Gefühl, nicht wirklich da zu sein, als würdest Du Dein eigenes Leben von außen beobachten – ist Dein Körper und Deine Seele, die sich schützen. Ein Schutzraum, den die Natur Dir gibt, während Du Dich innerlich sammelst und neu orientierst.

Sinn entsteht nicht durch Suchen.

Zur Trauer gehört auch diese tiefe Erschöpfung, die Du gerade fühlst – und mit ihr kommt die tiefe Frage: Wofür lebe ich jetzt noch? Und welchen Sinn hat es noch, hier zu sein?

Das fühlt sich beunruhigend und beängstigend an. Weil diese Fragen den tiefsten Grund Deiner Seele berühren. Doch diese Fragen sind absolut notwenig – damit Du neuen Sinn finden kannst.

Denn Sinn ist nicht etwas, das Du Dir vornehmen oder Dir erarbeiten kannst. Er entsteht nicht durch neue Hobbys oder das Setzen von Zielen – so gut gemeint solche Ratschläge auch sind. Sinn entsteht, wenn Du aufhörst, den Schmerz zu umgehen, und anfängst ihm wirklich zu begegnen.

Der österreichische Psychiater Viktor Frankl, der den Verlust durch die Lagererfahrung kannte wie kaum ein anderer, hat beschrieben: Sinn kann nicht erzwungen werden. Er stellt sich ein – als Nebenprodukt eines Lebens, das Du wirklich lebst – auch im Schmerz.

Das bedeutet nicht, dass Du den Schmerz suchen sollst. Es bedeutet, dass Du ihn nicht wegschieben sollst. Dass das, was Dir durch den Verlust genommen wurde, auch etwas in Dir freisetzt – eine Tiefe, eine Ernsthaftigkeit, ein Wissen darüber, was wirklich zählt. Das ist der Beginn von neuem Sinn.

Was Jorgos Canacakis wusste – und wie er es herausfand.

Jorgos Canacakis war ein Grieche, der kurz nach seinem Studium nach Deutschland auswanderte. Als er einen Elternteil verlor, begann er, sich mit den Wurzeln seiner Herkunft auseinander zu setzen – mit der alten griechischen Trauerkultur. Mit den Klageweibern, den Ritualen, der kollektiven Sprache des Schmerzes.

Was er dort fand, veränderte sein Leben und sein Denken grundlegend. Er studierte Psychologie, wurde Psychotherapeut und schließlich zu einem bedeutenden Pionier der Trauerarbeit im deutschsprachigen Raum. In seinem Buch „Ich sehe Deine Tränen – Lebendigkeit in der Trauer“ formulierte er etwas, das sich zunächst vielleicht seltsam anfühlt, aber dann sehr wahr:

„Trauer ist das größte Geschenk, das die Natur uns gegeben hat. Durch sie verstehen wir das Gesetz von Werden und Vergehen und können uns von der Vergangenheit lösen. Ohne Trauer gibt es keine Entwicklung.“ – Jorgos Canacakis

Canacakis beschreibt Trauer nicht als Problem, das gelöst werden muss. Er beschreibt sie als eine angeborene Fähigkeit – das Gesündeste in uns, um das Leben mit dem Herzen zu gestalten. Trauer ist kein Zeichen von Schwäche, sondern die tiefste Form von Lebendigkeit.

Und er stellt etwas klar, das viele Trauernde zutiefst entlastet: Trauer kann man nicht loswerden. Man kann sie nicht abschütteln, überwinden oder hinter sich lassen. Aber – und das ist der entscheidende Satz – sie kann mit Achtsamkeit und Liebe in Lebendigkeit umgewandelt werden.

Trauer braucht Zeugen.

Canacakis hat noch etwas in seiner Arbeit beschrieben, das die alte griechische Kultur wusste – und das wir in der modernen Welt fast vergessen haben: Trauer möchte gesehen werden.

Trauer, die im Verborgenen bleibt, die man alleine trägt, die man versteckt, um niemanden zu belasten – diese Trauer verursacht neue Trauer. Sie schafft Ängste, Erschöpfung und den Verlust von Selbstvertrauen. Weil der Schmerz keinen Raum hat, sich zu zeigen.

Trauer will gesehen werden. Gehört. Ernst genommen. Bestätigt. Trauer will gehalten sein. Denn nur dann kann sie sich von einem Zustand der Erstarrung in eine neue Lebendigkeit verwandeln.

Dein nächster Schritt.

Du bist nicht mehr der, der Du vor dem Verlust warst. Und Du wirst es auch nicht mehr sein.

Die alten Rollen gehören der Vergangenheit an. Aber unter den Rollen, die du für Deine Frau erfüllt hast, liegt etwas, das diese Rolle überdauert – Deine Essenz, Deine Tiefe. Wer Du wirklich bist – unabhängig davon, wer Du für andere warst.

Eine neue Identität und neuen Sinn im Leben zu finden sind die zwei Seiten derselben Medaille. Beides formt sich neu – zusammen, langsam, als Ergebnis einer Trauer, die Du wirklich durchlebt hast. Als das Geschenk eines tiefen Schmerzes, den Du wirklich gefühlt hast.

Wenn Du Begleitung auf diesem Weg möchtest – melde Dich gerne bei mir.

Von Herzen,

„Werde ich jemals wieder leben?“- Lebendigkeit in der Trauer.

Lebendigkeit in der Trauer.

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