Erschwerte Trauer

„Ist das noch normal?“ – Erschwerte Trauer: Wenn der Schmerz bleibt und das Leben stillsteht.

„Seitdem mein Bruder seinen besten Freund unerwartet verloren hat, ist er nicht mehr derselbe. Er unternimmt nichts mehr, zieht sich nur noch zurück. Man hat das Gefühl, dass er gar nicht mehr wirklich am Leben ist. Ich mache mir Sorgen um ihn. Es ist jetzt schon Monate her – ich habe nicht das Gefühl, dass das noch normal ist.“

Dass Du das Gefühl hast, dass hier etwas nicht stimmt, ist berechtigt.

Wenn Trauer zu lange dauert, zu tief geht, zu still geworden ist kann das ein Zeichen dafür sein, dass es sich um eine erschwerte Trauer handelt.

Und diese Form der Trauer braucht professionelle Begleitung.

Schwere Trauer und erschwerte Trauer – was ist der Unterschied?

Trauer darf schwer sein. Sie darf alles auf den Kopf stellen. Darf Dich erschöpfen. Den Alltag zeitweise unmöglich machen. Das ist keine Krankheit – sondern der Preis der Liebe. Und eine ganz natürliche Reaktion auf Deinen Verlust.

Schwere Trauer belastet stark. Aber nach einer gewissen Zeit – ungefähr sechs Monate, manchmal etwas länger – findest Du wieder ins Leben zurück. Alltag, Arbeit, Beziehungen können wieder gelebt werden. Und obwohl der Schmerz noch groß ist, normalisiert sich das Leben langsam.

Erschwerte Trauer ist anders. Das Leben normalisiert sich nicht. Du bist auch nach längerer Zeit nicht in der Lage, Dein Leben zu bewältigen. Du kannst Deinen Aufgaben in der Arbeit und im Alltag nicht nachkommen. Rückzug, Erstarrung und Erschöpfung machen es Dir unmöglich, soziale Kontakte zu pflegen.

Wenn Trauer sich nicht weiter bewegt – die Anhaltende Trauerstörung.

Es kann sein, dass die Trauer stehen bleibt. Sie verfestigt sich. Die Sehnsucht nach dem Verstorbenen lässt nicht nach. Das Funktionieren im Alltag ist weiterhin nicht möglich. Die Trauer dreht sich im Kreis, ohne voranzukommen.

Seit 2022 ist die Anhaltende Trauerstörung offiziell in der ICD-11 anerkannt – dem internationalen Klassifikationssystem für Krankheiten.

Das ist sehr wichtig, weil es bedeutet: Diese Menschen werden gesehen. Ihr Leiden hat einen Namen. Und: sie können bei entsprechender Diagnose über ihre Krankenkasse Hilfe bekommen.

In diesem Fall ist professionelle, therapeutische Unterstützung unerlässlich.

Warum wird Trauer manchmal so schwer?

Nicht jeder Verlust trifft gleich. Und nicht jeder Mensch trägt die gleichen Voraussetzungen in seinen Trauerprozess hinein.

Nach der Trauerbegleiterin Chris Paul gibt es fünf Aspekte, die einen erschwerenden Einfluss auf Trauer haben können.

Die Umstände des Todes.

Ein plötzlicher, unerwarteter Tod lässt keine Zeit zur Vorbereitung. Suizid, Unfall, Mord oder plötzlicher Kindstod erschüttern Dich auf ganz andere Weise als ein absehbarer Tod, auf den Du Dich – so weit das möglich ist – vorbereiten konntest. Wenn kein Abschied möglich war, kein Leichnam gefunden wurde, oder wenn die Todesart gesellschaftlich tabuisiert ist – Abtreibung, Sterbehilfe, AIDS – trägst Du die Last des Verlustes oft allein, weil Dein Umfeld den Verlust nicht anerkennt.

Die Beziehung zum Verstorbenen.

Der Verlust eines Kindes, einer großen Liebe, eines Seelenverwandten trifft besonders tief. Er verletzt die innerlich gefühlte, natürliche Ordnung des Lebens. Kinder sollen ihre Eltern überleben. Man hat sich ewige Liebe geschworen und nun ist der Partner nicht mehr da. Auch ambivalente Beziehungen – Väter, die gewalttätig waren; Mütter, denen man nie wirklich nahe war – hinterlassen widersprüchliche Gefühle, die die Verarbeitung erschweren.

Lebensgeschichte und aktuelle Lebenssituation.

Mehrere Verluste in kurzer Zeit, unverarbeitete Verluste aus der Kindheit, generationsübergreifende Trauer, die man unbewusst geerbt hat – all das kann sich zu einer Trauer verdichten, die Du nicht mehr alleine bewältigen kannst. Auch aktuelle Lebensumstände können fordernd sein und Deine Trauer erschweren: finanzielle Not, Jobverlust, ein Umzug, das Ende einer Beziehung.

Die eigene Persönlichkeit.

Wenn Du gelernt hast, stark zu sein, vermeidest Du gerne Gefühle von Hilflosigkeit, ohne es zu merken. Wenn Du Deine Emotionen früh unterdrücken musstest, fehlt Dir oft der Zugang zu dem, was sich in Dir bewegt. Das sind keine Charakterfehler oder Schwächen, sondern Überlebensstrategien, die ihre Berechtigung haben. Aber sie können Deinen Trauerprozess blockieren.

Das soziale Umfeld.

Fehlende Anerkennung. Nicht Gesehen-Werden. Das tut manchmal fast so weh, wie der Verlust selbst. Wenn Dein Umfeld die Beziehung nicht anerkannte, die Todesursache bagatellisiert oder einfach nicht weiß, wie es mit Deiner Trauer umgehen soll, bleibst Du mit Deinem Schmerz alleine. Als Kind, das nach dem Tod eines Elternteils übersehen wird. Als Mensch, der nach jahrelanger Pflege sein soziales Netzwerk verloren hat.

Was helfen kann.

Erschwerte Trauer braucht mehr als Zeit. Sie braucht Begleitung – jemanden, der Deinen Schmerz aushält und Dir zur Seite steht.

Professionelle Trauerbegleitung gibt Dir Raum, das zu verarbeiten, was alleine nicht geht. Selbsthilfegruppen zeigen Dir, dass Du mit Ihrem Schmerz nicht alleine bist. Rituale – ein Brief, eine Kerze, eine kleine Gedenkfeier – geben Deinem Schmerz einen Platz. Selbstmitgefühl bedeutet, so mit Dir zu sprechen, wie Du es mit einer guten Freundin tun würdest: Ich tue mein Bestes. Das ist genug.

Und manchmal braucht es therapeutische Unterstützung – besonders dann, wenn die Anhaltende Trauerstörung das Leben dauerhaft einschränkt.

Dein nächster Schritt.

Wenn Du das Gefühl hast, dass Du – oder jemand, der Dir nahesteht – in einer erschwerten Trauer feststeckst, dann bitte nimm Dieses Gefühl ernst.

Es könnte bedeuten, dass eine erschwerte Trauer vorliegt und dass professionelle Begleitung notwendig ist.

Wenn Du Dir diesbezüglich Klarheit verschaffen möchtest oder Unterstützung brauchst, dann melde Dich gerne bei mir.

Von Herzen,

„Ist das noch normal?“ – Erschwerte Trauer: Wenn der Schmerz bleibt und das Leben stillsteht.

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