Pränatale Trauer

„Kann mich etwas prägen, an das ich mich nicht erinnern kann?“ – Pränatale Trauer.

„Seit dem ich mich erinnern kann, trage ich eine Schwere in mir, die ich mir nicht erklären kann. Mein Leben hat sich irgendwie immer schon schwer angefühlt. Aber da ist kein Ereignis, kein Verlust, an den ich mich erinnern kann. Ich bin manches Mal sehr traurig darüber. Denn mein Herz sehnt sich nach Leichtigkeit.“

Ich höre Dich. Ich kenne die Sehnsucht nach Leichtigkeit – und auch die Traurigkeit darüber, wenn sie im Leben fehlt.

Es ist verwirrend und irritierend, diese Schwere zu fühlen – und nicht zu wissen, woher sie kommt, warum sie da ist.

Manche unserer Wunden entstehen so früh im Leben, dass wir uns nicht bewusst erinnern können. Und manche Wunden entstehen sogar davor:

In der Zeit vor unserer Geburt.

Wie wir werden, wer wir sind – ein Blick auf den Anfang.

Bevor Du geboren wirst, bist Du kein passiver Teilnehmer. Du wächst. Du formst Dich. Und dieser Prozess geschieht nicht zufällig – er geschieht nach einem exakten Bauplan. Und er geschieht in Bewegung.

In der Embryologie sieht man das besonders eindrücklich am Herzen: Es bildet sich nicht statisch, sondern in spiralförmigen Wachstumsbewegungen – von einer Ansammlung von Blutzellen hin zu einem einfachen Schlauch und schließlich zu diesem hoch komplexen Organ, das unser Blut zirkulieren lässt. (Ein hoch interessantes Video dazu findest du hier: The Helical Heart.)

Diese Wachstumsbewegungen sind Ausdruck von Lebenskraft – ein pulsierendes Ja zum Leben. Und genau wie das Herz, formen sich alle Strukturen Deines Körpers in diesem frühen Stadium durch Bewegung, Rhythmus und Fluss.

Diese natürliche Entwicklung kann gestört werden. Durch Stress der Mutter. Durch Verluste, die sie durchlebt. Durch Ambivalenzen – eine ungeplante Schwangerschaft, eine schwierige Partnerschaft. Die Frage, ob dieses Kind in diesem Familienfeld willkommen ist. Du nimmst all das als ungeborenes Kind wahr. Nicht mit Deinem Verstand – aber mit Deinem Körper. Mit Deinem Nervensystem. Mit dem, was später Gefühl heißen wird.

Eins mit der Mutter – und mit dem Feld.

Du bist mit Deiner Mutter körperlich verbunden. Und auch noch ca ein bis 1,5 Jahre nach der Geburt bist du emotional noch stark mit ihr identifiziert. Das gilt umso mehr für Deine vorgeburtliche Zeit. Du bist buchstäblich eins mit ihr – Du atmest durch sie, ernährst Dich durch sie, regulierst Dich durch sie.

Was sie fühlt, das fühlst Du auch. Ihre emotionale Landschaft ist Dein erstes Zuhause.

Aber Du wirst nicht nur in einen Körper hineingeboren. Du wirst auch in ein Feld hineingeboren.

Ein Familiensystem hat seine Geschichte. Verluste, die nicht betrauert wurden. Kriege, die Generationen erschüttert haben. Kinder, die zu früh starben und nie wirklich Platz bekommen haben. Sehnsüchte, die unerfüllt blieben. All das ist energetisch präsentauch dann, wenn niemand darüber spricht.

Ein Samen, der in fruchtbare Erde fällt, hat andere Bedingungen um zu wachsen und sich zu entfalten als einer, der in eine Felsspalte fällt. Beide tragen dieselbe Lebenskraft in sich. Aber sein Umfeld, die Umstände bestimmen, wie viel sich davon entfalten kann.

Was pränatale Trauer im Leben hinterlässt.

Pränatale Wunden haben keine Sprache.

Sie entstehen lange bevor Du Sprache sprache hast, ja überhaupt Organe hast mit denen Du Sprache bilden kannst. Sie zeigen sich auch nicht als bildhafte Erinnerung. Sie zeigen sich als Körpergefühl. Als Grundstimmung. Als Muster, das sich wiederholt, ohne einen Auslöser zu kennen oder zu finden.

Pränatale Prägungen können sich auf folgende Weise bemerkbar machen:

Eine tiefe unerklärliche Schwere – auch dann, wenn Dein Leben objektiv betrachtet gut ist. Das Gefühl, nicht wirklich willkommen zu sein – im Raum, in Beziehungen, im Leben selbst. Chronische Anspannung in Brust, Kopf oder Bauch – ohne körperliche Ursache. Schwierigkeiten, sich wirklich zugehörig zu fühlen. Ein diffuses „Etwas fehlt“ – ohne zu wissen, was. Eine unsichtbare Mauer, die einen am Vorwärtsgehen hindert. Selbstzweifel und das Gefühl nicht gut genug zu sein, das sich hartnäckig hält, egal, was man erreicht.

Diese Muster sind nicht Teil Deines Charakters. Kein unabänderliches Schicksal. Und auch keine Schwäche. Es sind Erinnerungen Deines Körpers – gespeichert lange bevor Dein Verstand überhaupt entstanden ist.

Wie vorgeburtliche Trauer ans Licht kommen kann.

Weil pränatale Trauer im Körper gespeichert ist, braucht sie auch einen körperlichen Weg nach draußen. Gespräche allein reichen hier oft nicht. Nicht weil sie nicht wertvoll wären, sondern weil die Wunde tiefer sitzt als Worte. Und weil die Sprache Deines Körpers Berührung ist.

In der Biodynamischen Craniosacral-Therapie arbeite ich mit den feinen Rhythmen Deines Körpers. Ich spüre, wo Bewegung fehlt – wo etwas erstarrt ist, wo sich Dein System noch nicht entfalten konnte. Manches Mal zeigt sich in einer Sitzung sehr klar, dass eine Spannung im Gewebe aus vorgeburtlicher Zeit stammt. Dass sie älter ist. Tiefer geht.

Wenn diese Stellen sanft berührt und gehalten werden – nicht gedeutet, nicht analysiert, sondern einfach wohlwollend wahrgenommen – kann sich etwas lösen, was schon seit Deiner Zeit im Mutterleib festgehalten wurde. Wie bei einer Klientin, deren jahrelange Rückenschmerzen sich in einer Sitzung lösten. Was sich hier gelöst hat, war nicht ihre Muskulatur. Es war das, was der Muskel so lange getragen hatte.

Systemische Aufstellungen können hier ergänzend zeigen, was aus dem Familienfeld mitgetragen wird – welche Verluste oder Personen noch keinen Platz bekommen haben und erste Schritte der Veränderung von Mustern ermöglichen, die schon über viele Generationen hinweg weitergeben wurden.

Dein nächster Schritt.

Wenn Du Dich in diesem Thema wieder erkennst – wenn da eine Schwere ist, die Du schon lange kennst, aber nie benennen konntest, dann ist das kein Zufall.

Wenn Du hier genauer hinschauen möchtest und Dir dabei Begleitung wünscht – melde Dich gerne bei mir.

Von Herzen,

„Kann mich etwas prägen, an das ich mich nicht erinnern kann?“ – Pränatale Trauer.

Pränatale Trauer

Inhaltsverzeichnis