„Mein Mann und ich werden uns scheiden lassen. Es ist eine schwierige und belastete Beziehung. Und ich merke, wie die Kinder hineingezogen werden. Ich möchte wissen, wie wir gut damit umgehen können, damit die Kinder das so unbeschadet wie möglich überstehen. Wie kann ich die Kinder bei der Trennung gut begleiten?“
Ich danke Dir für diese Frage.
Denn ich erlebe es leider sehr oft, dass Kinder bei der Trennung ihrer Eltern „vergessen“ werden oder in die Konflikte und das Drama rund um eine Scheidung hineingezogen werden.
Eine Trennung ist für Kinder immer sehr schmerzhaft. Ihr Zuhause, ihr sicherer Hafen zerbricht. Und Du kannst ihnen diesen Schmerz nicht abnehmen.
Aber Du kannst ihnen einen Boden geben, der ihnen Halt gibt, während ihre Welt zerbricht.
Und dass Du diese Frage gestellt hast, bedeutet: Du lässt sie nicht allein. Und das ist das Wichtigste.
Was Dein Kind wirklich fühlt – jenseits dessen, was es sagt.
Kinder spüren tatsächlich alles.
Jede Spannung, jedes nicht ausgesprochene Wort, jede kühle Stille zwischen Dir und Deinem Mann. Niemand kennt Euch so gut wie sie. Sie lesen in Euch wie in einem offen Buch – seit ihrem ersten Tag auf diese Welt. Weil sie das brauchen, um sich in ihrer Lebenswelt zu orientieren.
Und was sie fühlen ist oft viel radikaler, als wir Erwachsene uns das vorstellen.
Kleinkinder (2 bis 5 Jahre)
Kleinkinder erleben die Trennung als existenziellen Verlust. „Mama/Papa hat mich verlassen. Er/Sie mag mich nicht.“ Sie können noch nicht unterscheiden: Die Eltern trennen sich von einander – nicht von mir. Regression, Bettnässen, Klammern, diffuse Bauchschmerzen – das sind oft Anzeichen dafür, dass das Kind mit der Situation überfordert ist und Halt sucht.
Schulkinder (6 bis 9 Jahre)
Schulkinder machen sich meist für die Trennung verantwortlich. „Weil ich schlechte Noten habe, streiten meine Eltern.“ Schuldgefühle sind ihr Weg, ihre Ohnmacht erträglich zu machen. Wenn sie sich schuldig fühlen, haben sie wenigstens eine Ursache – und damit auch theoretisch eine Lösung. Sie können sich anstrengen und bessere Noten bekommen. „Und vielleicht kommen Mama und Papa ja wieder zusammen, wenn ich am Schulschluss lauter Einser habe.“
Vorpubertäre (10 bis 14 Jahre)
Kinder in der Vorpubertät reagieren oft mit Wut, Vorwürfen, Grenzüberschreitungen. „Ihr habt mich verraten.“ Sie fühlen sich verraten an der Familienwelt, die ihr Sicherheitsgerüst war. Ihre Aggression ist ein Schutz – und ein Hilferuf nach Eltern, die trotzdem da sind.
Jugendliche (15 bis 18 Jahre)
Teenager stehen in dieser Lebensphase im Zwiespalt: Loslösung wollen – und gleichzeitig ein stabiles Zuhause brauchen, in das sie zurückkehren können, wenn „da draußen“ etwas schiefgeht. Eine Trennung in dieser Phase ist besonders hart, weil sie genau diesen sicheren Hafen verlieren, während sie lernen, alleine zu schwimmen.
Was fast alle Kinder eint: Sie glauben, schuld an den Schwierigkeiten der Eltern oder der Trennung zu sein. Oft fürchten sie, dass ihre Eltern jetzt aufhören könnten sie zu lieben.
Sie erleben mehr oder weniger starke Loyalitätskonflikte („Darf ich beide überhaupt noch lieb haben? Muss ich mich für einen von beiden entscheien?“) und ziehen sich oft zurück, um die Eltern nicht noch mehr zu belasten.
In vielen Fällen werden sie überangepasste, unsichtbare, „brave“ Kinder, die niemandem zur Last fallen wollen.
Im Song „Lisa sagt“ von den Wise Guys und im Kurzfilm „Der Kleine und das Biest“ wird spürbar, was Kinder fühlen und erleben, wenn sich ihre Eltern trennen.
Die Falle der Loyalität – und wie Du sie vermeidest.
Dieser Punkt ist derjenige, an dem die meisten Eltern – ohne böse Absicht – ihre Kinder am tiefsten verletzen.
Wenn Du sagst: „Sag Deinem Vater doch mal, dass er…“ – wird Dein Kind zum Botschafter. Wenn Du sagst: „Das erzählst Du Deinem Vater aber nicht…“ – wird es zum Geheimnisträger. Und wenn Du fragst: „Wie war es bei Deinem Vater? Was hat er gemacht? Wen hat er getroffen?“ – machst Du Dein Kind zum Spion.
Jede dieser Rollen zerreißt Dein Kind innerlich.
Denn Dein Kind ist zu 50% Mutter und zu 50% Vater. Wenn Du den anderen Elternteil abwertest, wertest Du einen Teil Deines Kindes ab. Du zwingst es, sich gegen sich selbst zu entscheiden.
Was Deinen Kindern Halt geben kann ist das Bild der Beziehungsbänder.
Als Du und Dein Mann Euch verliebt habt, ist ein Band entstanden, das Euch als Paar verbunden hat – als Ausdruck Eurer Liebe zueinander. Als Euer erstes Kind zur Welt kam, ist zwischen Euch ein weiteres Band entstanden, das Elternband. Und gleichzeitig kam auch je ein Band von Dir zu Deinem Kind und von Deinem Mann zu Deinem Kind hinzu. Bei der Trennung löst sich nur das Band der Paarbeziehung auf. Die Bänder von Euch zu Euren Kindern bleiben bestehen – und auch das Elternband das Euch beide verbindet. Ein Leben lang.
Sagt das – am besten gemeinsam – Euren Kindern.
Und dann zeigt es ihnen: In Worten. In Taten. Immer wieder.
Was Dein Kind jetzt braucht – konkret und machbar.
Die Forschung ist eindeutig: Kinder kommen gut durch eine Trennung, wenn ihre Eltern bestimmte Dinge tun.
1 – Redet gemeinsam mit ihnen.
Wenn irgendwie möglich: Redet mit Euren Kindern. Ihr beide zusammen, gemeinsam, ruhig. Mit Blickkontakt zu jedem Kind, aber auch zueinander. So zeigt ihr Euren Kindern dass das Eltern-Band zwischen Euch intakt ist. Entlastet Eure Kinder gleich zu Beginn: „Ihr seid nicht schuld. Es hat nichts mit Euch zu tun. Wir haben Euch beide gleich lieb. Wir sind nach wie vor Vater und Mutter für Euch. Daran wird sich nichts ändern – auch wenn wir als Paar getrennte Wege gehen.“
2 – Gebt verlässliche Informationen – und schürt keine Hoffnungen.
Wo wird wer wohnen? Wann sieht das Kind wen? Wie laufen Ferien, Geburtstage, Weihnachten in Zukunft ab? Kinder brauchen Fakten und klare Informationen. Ihre Fantasien sind immer schlimmer als die Realität. Und: Versprecht nur, was ihr auch halten könnt. Kein: „Vielleicht ziehen wir wieder zusammen“ um die Kinder zu besänftigen. Das hält sie in der Schwebe und sie können nicht beginnen, die Trennung zu verarbeiten.
3 – Lasst alle Fragen zu.
Auch die, auf die Ihr keine Antworten habt. Ihr könnt dann sagen: „Das wissen wir gerade noch nicht. Aber wir kümmern uns darum und sagen Dir Bescheid, sobald wir es wissen.“ Das ist ehrlich. Und es gibt Deinen Kindern Sicherheit. Und es zeigt ihnen, dass ihr sie ernst nehmt und Euch um sie bemüht.
4 – Haltet den Alltag so stabil wie möglich.
Kinder brauchen Routine und Stabilität – und umso mehr im Chaos einer Trennung. So weit irgendwie möglich kein Wechsel von Kindergarten oder Schule, Freizeitaktivitäten, Freundeskreis. Sorgt dafür, dass der Alltag so gleich wie möglich bleibt – jede zusätzliche Erschütterung ist jetzt kontraproduktiv.
5 – Redet niemals schlecht übereinander.
Niemals. Nicht vor dem Kind. Nicht am Telefon, wenn das Kind „nicht zuhört“. Es hört immer zu. Es spürt die Schwingungen. Und es verletzt das Kind jedes einzelne Mal.
6 – Feiert nicht „wie früher“ gemeinsam.
Gemeinsame Weihnachten, Ostern, Geburtstage sind meist liebevoll gemeint – aber für Kinder kein Aufrechterhalten eines Familiengefüges, sondern eine emotionale Achterbahn. Sie erleben: „Die Eltern können ja doch miteinander!“ und das nährt in ihnen die Hoffnung, dass ihr doch eines Tages wieder zusammenkommt. Denn das ist das, was sich jedes Kind wünscht. Doch dieses schöne Gefühl wird ihnen auch gleich wieder weggenommen. Es ist wichtig dass Kinder nach einer Trennung in den zwei neuen Lebenswelten ankommen können: in der neuen Mama-Welt und in der neuen Papa-Welt. In jeder für sich.
7 – Kümmert Euch um Euch selbst.
Eltern, die in ihrem eigenen Schmerz untergehen, können ihren Kindern keinen Halt bieten. Holt euch Hilfe. Jeder für sich. Und auch gemeinsam in einer Familienberatung oder Mediation um Konflikte zu lösen und gute Lösungen für alle Beteiligten zu finden. Sprecht mit Freunden, geht in eine Therapie. Was auch immer für Euch hilfreich ist und Euch stärkt: all das kommt Euren Kindern zugute.
Fragen zum Innehalten und Nachspüren.
Diese Fragen laden Dich ein, nach innen zu lauschen. Du musst sie nicht beantworten – spüre einfach nach, was sie in Dir bewegen.
- Welches Gefühl in Dir – Wut, Trauer, Angst, Scham – schiebst Du beiseite, weil Du „stark sein musst“ für die Kinder? Was würde passieren, wenn Du Dir selbst erlaubst, es zu fühlen?
- Gibt es Momente, in denen Du Dein Kind – auch nur subtil – in eine Rolle drängst: Botschafter, Geheimnisträger, Spion? Was brauchst Du, um das zu stoppen?
- Wie gehst du mit Deiner eigenen Wut auf den anderen Elternteil um – so dass Sie Dein Kind nicht zu spüren bekommt?
Dein nächster Schritt.
Kein Kind übersteht die Trennung seiner Eltern „unbeschadet“, weil es einfach unmöglich ist, eine so tiefe Erschütterung zu überstehen, ohne dabei verletzt zu werden.
Aber sie können lernen, damit zu leben. Lernen, die neue Situation anzunehmen und zu integrieren. Deine Kinder können dran wachsen, und zu Menschen werden die wissen: Liebe endet manchmal. Aber Elternliebe bleibt bestehen.
Du und Dein Mann – ihr beide habt es in der Hand, ob Eure Kinder die Trennung als Bruch erleben – oder als Neuanfang auf sicherem Boden.
Melde Dich gerne bei mir, wenn Du in dieser herausfordernden Zeit Begleitung brauchst.