Man redet nicht schlecht über einen Verstorbenen

„Man redet nicht schlecht über Verstorbene.“ – Warum dieser Satz nicht hilfreich ist.

„Mein Vater ist gestorben. Es war nicht einfach mit ihm. Und alle sagen jetzt: ‚Er war ein guter Mann. Man redet nicht schlecht über Tote.‘ Aber er war oft cholerisch, abwesend, herabwürdigend. Ich habe ihn geliebt – aber ich bin auch wütend, enttäuscht, verletzt. Darf ich das nicht sagen? Verrate ich ihn damit? Beschmutze ich damit sein Andenken?“

Dieser Zwiespalt ist schmerzhaft.

Auf der einen Seite spürst Du Deine Liebe und Deine Loyalität zu Deinem Vater – und auf der andren Seite die Realität dieser Beziehung: Du wurdest verletzt. Bist wütend. Enttäuscht.

Und dieser Satz, den Du hörst, verbietet Dir vermeintlich all das auszusprechen. Macht es Dir unmöglich zu Dir und Deiner Wahrheit zu stehen. Und auch das tut weh.

Doch genau das ist in der Trauer so wichtig. Das Hinschauen. Die Beziehung zu sehen, so wie sie war. Aussprechen dürfen, wie Du ihn wahrgenommen hast. Sagen können, was Du erlebt hast in dieser Beziehung – und auch das, was Du nicht bekommen hast.

Denn nur in diesem Hinschauen kann sich Dein Schmerz wandeln.

Was geschieht, wenn Du schweigst.

„Man redet nicht schlecht über einen Verstorbenen.“

Das ist ein Satz, der nach Respekt und Wertschätzung klingt. Und das ist auch der ursprüngliche Gedanke: Über einen Verstorbenen etwas Schlechtes zu sagen – über jemand, der nicht mehr da ist, der sich nicht mehr verteidigen kann – das gehört sich einfach nicht.

Wenn dieser Satz jedoch als Aussage verwendet wird, um Unangenehmes, Unausgesprochenes zu verdrängen und zu unterdrücken, spaltet er Deine Innenwelt in zwei Hälften.

Auf der einen Seite gibt es den unantastbaren Verstorbenen der in ein einseitiges Licht gerückt wird. Und auf der anderen Seite stehst Du – mit allem was Du nicht sagen oder zeigen darfst. Deine Wut. Deine Enttäuschung. Dein Gefühl, dass Du in seiner Nähe nie ganz Du selbst sein konntest. Der Schmerz darüber, dass er Dich nie wirklich gesehen hat.

Alles, was nicht in das ideale Bild passt, muss also abgespalten werden. Und das Abgespaltene arbeitet weiter. In Dir – in Deinem Körper – in Deinen Träumen. Und auch in den Beziehungen die Du heute führst.

Die Forschung zur Trauer ist hier eindeutig: Unausgesprochenes bleibt wirksam. Was nicht integriert werden kann, wiederholt sich – oft in den eigenen Beziehungen, in der eigenen Elternschaft, in der Art, wie Du Nähe zulässt oder verweigerst.

Warum Deine Ehrlichkeit kein Verrat ist.

Einen Verstorbenen so zu sehen, wie er wirklich war – mit seinen lichtvollen aber auch mit seinen Schattenseiten – das ist keine Entwürdigung und auch kein Verrat. Das ist einfach das Ende einer Idealisierung.

Und der Anfang von innerem Frieden – mit Deinem Vater und auch mit der Beziehung die ihr zueinander hattet.

Ein Mensch kann cholerisch gewesen sein – und Dich geliebt haben, so gut er es konnte. Eine Mutter konnte möglicherweise nicht zuhören – und hat Dich trotzdem genährt, gepflegt und umsorgt. Ein Partner kann emotional abwesend sein – und Dir trotzdem Halt geben, auf seine Weise.

Beides gleichzeitig zu sehen, zu spüren, zu erkennen ist ein Zeichen von emotionaler Reife. Beides darf da sein – und es ist nicht notwendig den Schatten zu verleugnen, um das andere in Ehren zu halten.

Der Unterschied zwischen Abwertung und Wahrhaftigkeit.

„Er war ein schwieriger Mensch. Und er war mein Vater. Er hat mich geliebt – auf seine Weise.“

„Sie hat mich oft verletzt. Ich konnte in dieser Beziehung nie ganz ich selbst sein. Und ich vermisse sie.“

Das ist kein „schlecht Reden“. Das sind Sätze, die die Beziehung ins rechte Licht rücken. Und dem, was Du wirklich fühlst Raum geben. Endlich. Nach all den Jahren.

Schlecht reden heißt: abwerten, beleidigen, den anderen klein machen – um sich selbst groß zu fühlen. Diese Sätze oder Gedanken kommen aus einer Wut, die nicht gefühlt, sondern ausagiert wird.

Etwas wahrhaftig zu benennen heißt: das, was war, beim Namen zu nennen – ohne Drama. Ohne Übertreibung oder Rache. Diese Sätze kommen aus dem Bedürfnis heraus, die eigene Wahrheit auszusprechen und endlich mit seinem Schmerz gesehen zu werden. Aus dem Bedürfnis, die eigene Geschichte zu vervollständigen.

Spüre diesen Unterschied in Dir. Wenn Du sagst: „Er war ein Idiot“ – das ist Ausagieren. Wenn Du sagst: „Er war oft cholerisch, hat mich nicht gesehen, und das hat mich verletzt“ – dann ist das die Wahrheit.

Deine Wahrheit.

Fragen zum Innehalten und Nachspüren.

Diese Fragen laden Dich ein, nach innen zu lauschen.

Du musst sie nicht beantworten – spüre einfach nach, was sie in Dir bewegen.

  • Was hast Du nie ausgesprochen, weil Du dachtest, Du dürftest es nicht?
  • Wenn Du wüsstest dass Dein Vater Verständnis zeigen würde, ganz egal, was Du ihm auch mitteilst – was würdest Du ihm sagen?
  • Welcher Teil Deiner Beziehung zu Deinem Vater ist noch „eingefroren“, weil er nicht ins heile Bild passt?
  • Was würde sich in Dir lösen, wenn Du Dir erlaubst, Deinen Vater ganz zu sehen – als Mensch: mit guten und schlechten Seiten?

Ein Moment für Dich.

Nimm dir ein Blatt Papier zur Hand. Schreib den Namen Deines Vaters darauf.

Ziehe einen senkrechten Strich in der Mitte des Blattes, sodass zwei Spalten entstehen.

Die linke Spalte bekommt die Überschrift: Was ich an Dir geliebt habe – was mich genährt hat, was gut war, wofür ich dankbar bin. Und rechts schreibst Du: Was mich verletzt hat – was ich nie sagen durfte, was fehlte, worüber ich traurig bin.

Befülle diese Spalten mit allem, was Dir in den Sinn kommt. Bewerte es nicht. Wäge nichts ab. Beschönige nichts. Sprich alles aus, was Dir auf der Seele brennt.

Wenn Du alles aufgeschrieben hast und Dir nichts mehr einfällt, lies diese beiden Spalten laut vor. Teile das, was Du geschrieben hast auch gerne mit einer Person, der Du tief vertraust – damit Dein Schmerz gesehen wird.

Dann leg den Zettel weg. Wirf ihn weg. Verbrenne ihn. Was auch immer für Dich stimmig ist. Wichtig ist: Du hast es ausgesprochen. Es ist jetzt nicht mehr in Dir eingesperrt.

Dein nächster Schritt.

Du darfst alles sagen. Alles fühlen. Alles benennen – Deine Verletzungen genauso wie Deine Liebe zu Deinem Vater. Sein Andenken wird nicht beschmutzt, wenn Du Deine Wahrheit aussprichst.

Ganz im Gegenteil: dadurch wird es erst vollständig.

Erlaube Dir heute einen einzigen Satz auszusprechen, der bisher unausgesprochen blieb. Nur einen. Und spüre, was sich in Dir bewegt.

Und wenn Du merkst, dass Du Begleitung möchtest um Deine Wahrheit zu sortieren, zu fühlen, zu integrieren – dann melde Dich gerne bei mir.

Von Herzen,

„Man redet nicht schlecht über Verstorbene.“ – Warum dieser Satz nicht hilfreich ist.

Man redet nicht schlecht über einen Verstorbenen

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