Trauer um jemanden den man kaum kannte

„Ich kannte meinen Vater nicht wirklich. Wie trauere ich um ihn?“ – Trauer um jemanden den man kaum kannte.

„Mein Vater ist vor ein paar Wochen gestorben. Ich habe eine Einladung zur Testamentseröffnung bekommen – so habe ich es erfahren. Er hat die Familie verlassen, da war ich ein Jahr alt. Mit knapp dreißig habe ich ihn wiedergefunden. Am Anfang war es schön. Dann wurde es enttäuschend. Und jetzt ist er tot. Ich weiß nicht, was ich fühlen soll. Wie trauert man um jemanden, den man eigentlich gar nicht kennt – und der gleichzeitig der eigene Vater ist?“

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten.

Du stehst in einer seltsamen Leere.

Da ist kein Vater, den Du ein Leben lang kanntest. Da sind kaum gemeinsame Erinnerungen, keine geteilte Geschichte, um die Du trauern könntest.

Und trotzdem ist da ein Schmerz. Vielleicht auch Wut. Oder sogar eine tiefe Sehnsucht.

Und vielleicht der Gedanke, dass Du ja eigentlich gar nichts fühlen „darfst“, weil Du ihn ja kaum kanntest.

Trauer um das, was hätte sein können.

Die meisten Menschen trauern um etwas, das war. Eine gelebte Beziehung. Um gemeinsame Erinnerungen. Stimme, Geruch, Gewohnheiten. Um all das, was war – und gemeinsam entstanden ist

Du trauerst um etwas anderes.

Um das, was nie wirklich da war. Um den Platz in Dir, der leer geblieben ist. Und um die Beziehung, die nie entstehen konnte.

Um den Vater, den Du gebraucht hättest – und den Du nicht bekommen hast.

Um das, was hätte sein können.

Du trauerst um einen Teil Deiner eigenen Geschichte, der Dir vorenthalten wurde. Um die Möglichkeit, von jemandem gesehen zu werden, der Dich hätte sehen sollen. Um eine Version von Dir, die einen Vater gehabt hätte.

Das macht diese Trauer schwer fassbar.

Es gibt wenig Konkretes, woran Du Dich anhalten könntest. Kaum oder keine Fotos aus der Kindheit. Keine gemeinsamen Geschichten, die Dir immer wieder einfallen und Dir den Weg durch Deinen Schmerz zeigen. Keine Erinnerungen, die andere mit Dir teilen.

Und trotz allem ist er Dein Vater. Und trotzdem tut es weh.

Beides darf da sein.

Da ist die Sehnsucht nach Nähe. Der Wunsch nach Anerkennung – nach einem Vater, der da ist.

Und gleichzeitig die Enttäuschung, die Wut und das Gefühl nicht gewollt oder nicht wichtig genug gewesen zu sein.

Da sind so viele Verletzungen in Dir geschehen. Und irgendwann hast Du Dein Herz ein Stück weit verschlossen. Nicht nur gegen ihn. Auch gegen die Möglichkeit, von einem Vater gesehen, gewollt und gehalten zu werden.

Gegen das Gefühl, es wert zu sein, dass jemand bleibt.

Das war Dein Schutz. Und genau dieser Schutz macht es Dir jetzt schwer zu trauern – weil Trauern bedeuten würde, Dein Herz wieder zu öffnen, und den Schmerz – den Du schon so lange weggesperrt hast – in seiner ganzen Tiefe zu fühlen.

Du musst Deinen Vater nicht zu einem „guten Vater“ machen, damit Du trauern darfst. Und Du musst ihn nicht zum schlechten Vater machen, damit Du Dich von ihm lösen kannst.

Du darfst beides fühlen: Deine Sehnsucht, nach dem was Du gebraucht hättest – und den Schmerz darüber, dass er Dir nie das geben konnte oder wollte.

All das hat nichts mit Deinem Wert zu tun. Nicht mit Deinem Charakter und nicht mit Deinem Wesen. Dein Vater war nicht in der Lage, Deine Bedürfnisse zu erfüllen und seine Vater-Rolle zu erfüllen.

Das war sein Defizit – nicht Deine Schuld.

Warum Du Dich so einsam fühlst.

Viele Menschen in Deiner Situation hören Sätze wie: „Du hast ihn ja kaum gekannt“, „Du hattest doch keine richtige Beziehung zu ihm?“ oder „Du hattest doch schon lange keinen Kontakt mehr.“

Diese Sätze gehen am Wesentlichen vorbei.

Trauer bemisst sich nicht an der Anzahl der Stunden die Du mit jemandem verbracht hast. Auch nicht daran, wie viele Erinnerungen Du gemeinsam gesammelt hast. Oder wie oft Dir jemand gesagt hat, dass er Dich liebt.

Deine Trauer drückt aus, was dieser Mensch für Dich bedeutet. Unabhängig davon ob Du noch Kontakt hattest oder ob Du ihn je wirklich gekannt hast.

Und ein Vater, der nie da war kann einen sehr großen Stellenwert in Deinem Leben haben – weil seine Abwesenheit einen so großen Raum, so viel Bedeutung in Deinem Leben eingenommen hat.

Die Leere annehmen.

Das, was nicht war, gehört auch zu Deiner Geschichte.

Du musst das nicht wieder gut machen – und kannst es auch gar nicht. Auch Dein Vater könnte nicht ungeschehen machen, was geschehen ist, selbst wenn er es noch so sehr wollte.

Trauer ist nicht nur ein Abschied. Sondern ein Prozess, in dem die Seele lernt das Licht, das Positive, das Gute durch die Leere, durch die Abwesenheit zu erkennen.

Dein Vater hat Dir durch seine Abwesenheit etwas hinterlassen: Die Aufgabe, Dein eigener Vater zu werden.

Für die Teile in Dir, die nach ihm gesucht haben. Für das Kind in Dir, das so lange darauf gewartet hat, dass er zu Dir zurückkommt.

Das ist Deine Trauerarbeit.

Fragen zum Innehalten und Nachspüren.

Diese Fragen laden Dich ein, nach innen zu lauschen. Du musst sie nicht beantworten – spüre einfach nach, was sie in Dir bewegen.

  • Welche Gefühle erlaubst Du Dir bisher am wenigsten: Deine Sehnsucht, Deine Wut, Deine Enttäuschung, Deine Gleichgültigkeit?
  • Was würde sich in Dir verändern, wenn Du Dir erlaubst, dass beides wahr ist: „Ich wollte dass er mein Vater ist“ und „Er konnte oder wollte mir keiner sein“?
  • Gibt es einen Teil in Dir, der immer noch hofft, dass es ganz anders gelaufen wäre? Was braucht dieser Teil von Dir, um Frieden zu finden?
  • Was verändert sich für Dich, wenn Du aufhörst die Lücke zu bekämpfen und sie als Teil Deiner einzigartigen Lebensgeschichte anerkennst?

Ein Moment für Dich.

Schreibe Deinem Vater zwei Briefe.

Der eine Brief ist ein Brief an den Vater, den Du gebraucht hättest. Schreibe auf, was Du Dir von ihm gewünscht hättest. Was Du gebraucht hättest, als Du klein warst. Was Du Dir erhofft hast, wenn Du an ihn dachtest.

Der zweite Brief ist ein Brief an den Vater, der er wirklich war. Schreib ihm, was Dich enttäuscht und verletzt hat. Was Du nie verstanden hast. Was Du ihm heute noch sagen würdest – auch das Schwere, Traurige.

Wenn Du fertig bist, lege beide Briefe nebeneinander.

Lies sie beide laut vor.

Höre Deine Stimme. wenn Du beides laut aussprichst. Spüre, was in Dir, in Deinem Körper geschieht, wenn beide Deiner Wahrheiten gleichzeitig da sein dürfen.

Dann entscheide, was Du mit den Briefen machen möchtest: aufbewahren, verbrennen, weglegen.

Dein nächster Schritt.

Du musst nicht wissen, wie man „richtig“ um jemanden trauert, den man kaum kannte.

Die Lücke, die Dein Vater in Deinem Leben hinterlassen hat kann nicht gefüllt oder repariert werden. Auch nicht jetzt, nach seinem Tod.

Seine Abwesenheit ist Teil Deiner Geschichte. Und in der Anerkennung dieser Geschichte kannst Du Dir selbst nach und nach das gaben, was Du gebraucht hättest.

Das ist ein Weg der Zeit braucht. Und manches Mal auch Begleitung. Wenn Du spürst, dass Dir Unterstützung gut tun würde, melde Dich gerne bei mir.

Von Herzen,

„Ich kannte meinen Vater nicht wirklich. Wie trauere ich um ihn?“ – Trauer um jemanden den man kaum kannte.

Trauer um jemanden den man kaum kannte

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