„Ich weiß nicht, ob ich überhaupt richtig trauere. An manchen Tagen fühle ich mich so, als hätte ich gar niemanden verloren. An anderen Tagen bin ich zu nichts fähig – ich möchte am liebsten nur im Bett liegen. Manchmal ist die Sehnsucht nach meinem Mann unglaublich groß, und an anderen Tagen komme ich gut damit zurecht, dass er nicht mehr da ist. Ich habe Freunde, mit denen ich gerne etwas unternehme – und dann frage ich mich manchmal, ob ich das überhaupt darf. Ist das normal?“
Ja, das ist es.
Was Du beschreibst ist nicht nur normal, sondern ein Zeichen dafür, dass Du genau das tust, was Trauer von Dir verlangt.
Dieses Hin und Her, das Dich vielleicht verwirrt oder beunruhigt, wird in einem der moderneren Trauerkonzepte beschrieben: Das Duale Prozessmodell.
Das klingt zunächst etwas abstrakt, aber Du wirst sehen, es beschreibt exakt, was Du gerade durchlebst.
Was das Duale Prozessmodell beschreibt.
Das Duale Prozessmodell wurde 1999 von den Trauerforschern Margaret Stroebe und Henk Schut entwickelt. Es beschreibt etwas, das viele Trauernde kennen, aber selten benennen können: das Trauer kein gerader Weg ist, sondern vielmehr ein Pendeln zwischen zwei Polen.
Der eine Pol ist der Verlust selbst. Du lässt den Schmerz zu. Du erinnerst Dich. Du weinst. Du spürst die Sehnsucht. Du setzt dich mit dem auseinander was war – und was jetzt nicht mehr ist.
Der andere Pol ist das Leben, das weitergeht. Du erledigst Dinge. Du kochst, Du gehst spazieren. Du lachst mit Deinen Freunden. Du findest Dich in einer Welt zurecht, die sich verändert hat. Du probierst aus, wer Du jetzt bist.
Und zwischen diesen beiden Polen bewegst Du Dich – manchmal innerhalb eines einzigen Tages.
Morgens fällt Dein Blick auf das Foto Deines Mannes und Du beginnst zu weinen. Mittags führst Du ein Telefonat mit Deiner besten Freundin, die Dir eine lustige Geschichte erzählt, die dich zum Lachen bringt. Und abends überkommt Dich ein komisches Gefühl, fast wie ein schlechtes Gewissen, dass sich Dein Tag zu normal angefühlt hat.
Und alles das, ist das, was Trauer eben ausmacht.
Das schlechte Gewissen – und warum es falsch liegt.
Viele Trauernden erben genau das: Du hast einen guten Tag – und schon meldet sich sofort die Frage in Dir: Darf ich das? Darf ich mich wirklich gut fühlen, wenn ich trauere? Bedeutet das nicht, dass ich ihn nicht genug vermisse?
Das Duale Prozessmodell gibt darauf eine klare Antwort: Ja, Du darfst. Nicht trotz Deiner Liebe – sondern wegen ihr.
Das Pendeln zwischen Schmerz und Leben ist kein Zeichen dafür, dass Du den Verlust nicht ernst nimmst, oder dass Dir der Tod Deines Mannes nicht nahe genug gegangen ist.
Es ist ein Zeichen dafür, dass Dein inneres System genau das tut, was es braucht: Es schützt Dich davor, dauerhaft im Schmerz zu versinken. Es gibt Dir Pausen. Es lässt Dich atmen. Und dann – wenn Du bereit bist – lässt es Dich wieder fühlen.
Diese Bewegung ist kein Beweis für falsches oder fehlendes Trauern. Dein guten Tage sind kein Verrat an Deinem geliebten Menschen. Sie ist Dein Überleben in dieser Ausnahmesituation.
Wie sich das im Alltag zeigt.
Die Bewegung zwischen den beiden Polen Verlust und Leben sieht bei jedem anders aus.
Es gibt Menschen, die stärker in den Verlustpol gezogen werden – sie brauchen viel Zeit für den Schmerz, bevor sie sich dem Alltag zuwenden können. Andere landen schneller auf der Seite des Lebens – nicht weil sie weniger trauern, sondern weil ihr innerer Kompass sie so führt.
Beides ist richtig. Beides ist Trauer.
Und das Pendeln verändert sich mit der Zeit. In den ersten Wochen und Monaten ist der Verlustpol oft stärker. Nach einiger Zeit – wenn der Prozess sich entfalten darf – verschiebt sich das Gleichgewicht langsam. Die guten Tage werden mehr. Der Schmerz verliert nicht seine Tiefe, aber er verliert seine Schärfe.
Und Du lernst immer mehr beides gleichzeitig in Dir zu halten: Die Trauer und die Freude. Die Sehnsucht und das Leben.
Wann das Pendeln ins Stocken gerät.
Manchmal jedoch bleibt das Pendeln stehen. Du steckst dauerhaft auf einer Seite fest – entweder im Schmerz, aus dem Du keinen Ausweg siehst. Oder im Funktionieren, ohne jemals wirklich zu trauern.
Wenn Du das Gefühl hast, dass sich in Deiner Trauer über lange Zeit nichts mehr bewegt – dass die schweren Tage die guten bei weitem überwiegen und es immer weniger gute Tage werden. Oder dass Du den Verlust gar nicht wirklich zulassen konntest.
Dann ist das ein Hinweis darauf, dass Du Begleitung brauchst.
Dein nächster Schritt.
Das Hin und Her durch das Du Dich bewegst ist ein ganz natürlicher Prozess in Deiner Trauer.
Deine guten Tage, Deine Momente der Leichtigkeit, ein Abend mit Freunden, der sich fast normal angefühlt hat – auch das gehört zu Deinem Trauerweg.
Erlebe diese Momente mit Dankbarkeit und ohne Dich dafür schuldig zu fühlen. Denn sie geben Dir die Kraft, die Du brauchst, wenn der Schmerz wieder ganz deutlich spürbar wird.
Wenn Du noch mehr über diese Trauerdynamik wissen möchtest oder Dir Begleitung wünscht, melde Dich gerne bei mir.