Gefühle in der Trauer

„Darf ich das fühlen?“ – Über die Freiheit, authentisch zu trauern.

„Ich trauere seit Monaten um meinen Bruder. Manchmal bin ich unglaublich traurig – und dann plötzlich wieder erleichtert, dass er nicht mehr leiden muss. Oder sogar glücklich über eine schöne Erinnerung. Und dann kommt sofort das schlechte Gewissen: Darf ich das überhaupt? Glücklich sein, wenn er tot ist? Ist das nicht respektlos? Ich weiß nicht mehr, was ich fühlen soll und was nicht. Das ist total anstrengend.“

Ich kann Deine Verwirrung gut verstehen. Denn die Gefühle in der Trauer sind oft sehr herausfordernd und widersprüchlich.

Deine Erschöpfung entsteht, wenn Du nicht nur die Schwere Deiner Trauer tragen musst, sondern auch die Last Deiner eigenen Urteile darüber, was Du fühlst.

Der Philosoph Alan Watts hat das vor langer Zeit das in Worte gefasst, was ich bis heute als einen der heilsamsten Sätze über Trauer kenne: There are no wrong feelings.

Es gibt keine falschen Gefühle.

„There are no wrong feelings.

There may be wrong actions in the sense of actions contrary to the rules of human communication. But the way you feel towards other people: loving, hating, et cetera, et cetera; there aren’t any wrong feelings.

And so, to try and force one’s feelings to be other than what they are is absurd. And furthermore: dishonest.

But you see: the idea that there are no wrong feelings is an immensely threatening one to people who are afraid to feel.

This is one of the peculiar problems of our culture: we are terrified of our feelings. We think that if we give them any scope and if we don’t immediately beat them down, they will lead us down into all kinds of chaotic and destructive actions.

But if, for a change, we would allow our feelings and look upon their comings and goings as something as beautiful and necessary as changes in the weather, the going of night and day and the four seasons, we would be at peace with ourselves.

I think this is the most releasing thing that anybody can possibly understand. That your inner feeling is never wrong. What you feel is never wrong – it may not be a right guide as to what you should do, but it is right that you should have the feeling of hating, or of being sad, or of being terrified. When a person comes to himself he comes to be one with his own feeling, and that is the only way to be in a position of controlling it.“

– Alan Watts, aus den Vorlesungen „You’re It“

Was das bedeutet.

Alan Watts macht hier eine wichtige Unterscheidung: Ein Gefühl ist nicht dasselbe wie eine Handlung. Wut zu fühlen bedeutet nicht, jemanden zu verletzen. Erleichterung zu fühlen bedeutet nicht, den Verlust nicht ernst zu nehmen. Freude zu fühlen bedeutet nicht, dass Du nicht trauerst.

Gefühle sind keine Entscheidungen. Sie kommen und gehen wie das Wetter, wie die Jahreszeiten. Und genau wie wir den Winter nicht für falsch halten, weil er kalt ist, dürfen wir unsere Gefühle nicht für falsch halten, weil sie uns – oder anderen – unbequem sind.

In der Trauer ist das besonders wichtig. Denn da sind so viel mehr Gefühle als Traurigkeit. Da ist Wut. Schuldgefühle. Erschöpfung, manchmal Erleichterung, manchmal Momente von Leichtigkeit. Und oft ist es nicht der Schmerz selbst, der Dich erschöpft. Sondern der Widerstand gegen unsere Gefühle – und das ständige Urteilen darüber, ob wir so fühlen dürfen. Was auch eine Form von Widerstand ist.

Deine Gefühle verschwinden nicht, wenn Du sie unterdrückst. Sie setzen sich dann im Körper fest – als Anspannung, als Schlaflosigkeit, als innere Unruhe. Wenn Du sie zulässt, können sie sich bewegen. Und Bewegung ist der Anfang von Veränderung.

Gefühle in der Trauer: Fragen zum Innehalten und Nachspüren.

Diese Fragen laden Dich ein, nach innen zu lauschen.

Was bewegt sich in Dir, wenn Du sie liest?

  • Welches Gefühl in Deiner Trauer hast Du bisher als „falsch“ oder „nicht erlaubt“ empfunden? Was würde sich verändern, wenn Du es ohne Urteil zulassen würdest?
  • Gibt es eine Emotion, die Du immer wegdrückst, sobald sie auftaucht? Wut, Erleichterung, Freude? Was glaubst Du, was passieren würde, wenn Du gerade dieser Emotion Raum gibst?
  • Was bedeutet es für Dich, „mit Deinen Gefühlen eins zu sein“? Gibt es ein Gefühl, mit dem Du noch nicht wirklich in Kontakt bist?
  • Was sagst Du zu Dir selbst, wenn Du ein Gefühl hast, das Dir „nicht erlaubt“ erscheint? Was würdest Du einer guten Freundin sagen, die dasselbe fühlt?
  • Watts vergleicht Gefühle mit dem Wetter und den Jahreszeiten – schön, notwendig, vergänglich. Kannst Du Dir vorstellen, Deine Gefühle so zu betrachten? Wie würde das Deinen Alltag verändern?

Dein nächster Schritt.

Deine Gefühle in der Trauer sind niemals falsch.

Sie sind ein Ausdruck dessen was in Dir lebt. Ein Ausdruck Deiner Liebe. Sie sind ein Beweis dafür, dass Du lebst. Dass Du ein Mensch bist.

Und oft ist es nicht der mutigste Schritt im Trauerprozess nicht der, weiterzugehen – sondern der, innezuhalten, und zu fühlen, was wirklich da ist.

Wenn Du Dir dabei Begleitung wünscht, dann melde Dich gerne bei mir.

Von Herzen,

„Darf ich das fühlen?“ – Über die Freiheit, authentisch zu trauern.

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