„Du hast in unseren Sitzungen immer wieder verschiedene Trauermodelle angesprochen. Ich kann mich an das Hin- und Herpendeln und die Trauerphasen erinnern. Und dann waren es noch zwei andere, deren Namen ich nicht mehr weiß. Gibt es noch andere Trauermodelle? Und warum gibt es eigentlich so viele unterschiedliche Ansätze?“
Es gibt so viele Trauermodelle, weil Trauer so vielschichtig ist.
Kein einzelnes Modell kann erfassen, was in einem Menschen vorgeht, wenn er einen geliebten Menschen verliert. Jeder Ansatz beleuchtet einen anderen Aspekt – den emotionalen, den körperlichen, den kognitiven, den sozialen. Zusammen ergeben sie ein Bild, das der Wirklichkeit näher kommt, als jedes Modell für sich.
Dazu kommt, dass sich das Verständnis der Trauer über den Lauf der Zeit durch die praktische Erfahrung mit Trauernden stark verändert hat. Auch das führt dazu, das alte Modelle durch neue ergänzt und erweitert werden.
Wobei Trauermodelle helfen: Sie geben dem, was Du erlebst, einen Namen. Sie sagen Dir: Das, was Du erlebst, ist bekannt. Es ist beschrieben worden. Andere Menschen haben es vor Dir durchlebt. Du bist mit Deiner Erfahrung nicht alleine.
Wie Du schon weißt, nutze ich in meiner Arbeit verschiedene Modelle – wie einen Werkzeugkasten. Je nachdem, was in einem bestimmten Moment bei einem bestimmten Thema Orientierung und Halt bietet.
Lass mich Dir nachstehend einen Überblick über die wichtigsten Modelle geben.
Trauer als Arbeit – Sigmund Freud.
Freud war der erste, der Trauer ernst genommen hat. Für ihn war es keine vorübergehende Phase, die man schnell hinter sich bringt, sondern er erkannte sie als Arbeit. Als echte, notwendige Seelenarbeit.
Seine Idee dazu war: Wenn Du jemanden verlierst, muss die Energie, die Du in diese Beziehung investiert hast, Schritt für Schritt zurückgeholt werden. Freud glaubte auch, dass Trauerarbeit mit der vollständigen Loslösung vom Verstorbenen endet.
Das sehen wir heute anders – dazu mehr beim Continuing Bonds Konzept. Aber sein Grundgedanke ist auch heute noch wertvoll: Trauer ist keine Störung. Sie ist ein Prozess – eine Arbeit, die ihren eigenen Raum braucht.
Phasen, die keine Checkliste sind – Elisabeth Kübler-Ross und Verena Kast.
Das bekannteste Trauermodell der Welt stammt von Elisabeth Kübler-Ross. Es beschreibt Trauer in fünf Phasen: Nicht-Wahrhaben-Wollen, Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Fast jeder hat schon von diesem Modell gehört. Und die meisten haben es falsch verstanden.
Kübler-Ross hat diese Phasen nie als lineare Abfolge gemeint. Sie sind keine aufeinander folgenden Stationen, die man passiert und abhakt. Trauer verläuft nicht von Phase 1 zu Phase 5, um dann fertig zu sein. Sondern sie kommt in Wellen. Sie springt zurück. Sie überrascht Dich noch Jahre später an einem ganz gewöhnlichen Dienstag Morgen.
Das Modell macht sichtbar, dass all die verschiedenen Gefühle – die Wut, das Verhandeln, die tiefe Erschöpfung – Teil von Trauer sind. Verena Kast, eine der bedeutendsten Trauerforscherinnen im deutschsprachigen Raum, hat dieses Modell weiter entwickelt: Sie beschreibt Trauer als dynamischen Prozess in Wellen – vom ersten Schock über aufbrechende Gefühle, das Suchen und Abschied-Nehmen, bis hin zu einem neuen Selbst- und Weltbezug. Nicht linear. Nicht planbar. Aber mit einer Richtung.
Trauer als Aufgabe – William Worden.
William Worden hat einen anderen Zugang gewählt – und ich finde ihn besonders hilfreich, weil er Trauer nicht als etwas beschreibt, das Dir passiert, sondern als etwas, das Du aktiv gestalten kannst.
Sein Modell beschreibt vier essenzielle Traueraufgaben:
1 – Den Verlust als Realität akzeptieren.
Der erste Schritt ist, die Endgültigkeit des Verlustes anzuerkennen. Nicht intellektuell, sondern wirklich, im Herzen. Oft beginnt die Trauer mit Schock und Verleugnung – ein Gefühl der Taubheit, das den Schmerz zunächst abwehrt. Es ist normal, den Verlust nicht sofort begreifen zu können, doch die Akzeptanz, dass der Verstorbene nicht zurückkehrt, ist die Basis für die Heilung.
2 – Den Schmerz der Trauer zulassen und durchleben.
Nicht umgehen. Nicht betäuben. Nach dem Schock brechen oft chaotische Emotionen auf. Schmerz, Wut, Schuldgefühle oder Angst können in Wellen über Dich hereinbrechen. Begleitet von körperlichen Symptomen wie Atemnot, Übelkeit oder Schlafstörungen. Diese Gefühle wirklich zuzulassen, ohne sie zu unterdrücken, ist essenziell, auch wenn es schmerzhaft ist. Der Versuch, Trauer durch Alkohol oder Medikamente zu betäuben, kann diesen Prozess verzögern.
3 – Sich an eine Welt ohne den Verstorbenen anpassen.
Äußerlich. Innerlich. Spirituell. Trauer bedeutet, das Leben ohne die geliebte Person neu zu gestalten. Dies kann Existenzängste oder Unsicherheiten über die Zukunft auslösen. Der Trauernde muss lernen, neue Routinen zu entwickeln und die Energie, die einst in die Beziehung floss, auf andere Menschen und Ziele zu richten.
4 – Eine neue Beziehung zum Verstorbenen finden.
So, dass sie Dich trägt und nicht in der Vergangenheit festhält. Trauer bedeutet nicht, den Verstorbenen zu vergessen, sondern die Beziehung zu ihm neu zu definieren. Die Erinnerungen, die Liebe und die gemeinsamen Erlebnisse bleiben ein Teil von Dir. Diese Aufgabe ermöglicht es, den Verstorbenen im Herzen zu bewahren, während Du Dich dem Leben wieder öffnest.
Diese letzte Aufgabe ist wichtig: Es geht nicht darum, loszulassen. Es geht darum, die Beziehung zu verwandeln. Der Mensch bleibt Teil Deines Lebens – aber die Form der Verbindung verändert sich.
Sinn finden, wo keiner zu sein scheint – Viktor Frankl.
Viktor Frankl hat als Überlebender des Holocaust geschrieben, was Viele für unmöglich hielten: Selbst im tiefsten Leiden liegt die Freiheit, zu wählen, wie wir damit umgehen. Nicht ob wir leiden – das können wir nicht kontrollieren. Aber was wir daraus machen.
Für die Trauerarbeit bedeutet das: Trauer muss kein sinnloses Leiden bleiben. Sie kann der Beginn einer Suche werden – nach dem, was Dein geliebter Mensch in Dein Leben gebracht hat. Nach dem, was Du durch ihn geworden bist. Nach dem, was Du jetzt, nach dem Verlust, neu gestalten kann.
Es geht hier nicht darum, so schnell wie möglich wieder einen Sinn oder das Positive im Leben zu finden. Frankl selbst wusste, wie lange dieser Weg dauern kann. Aber er öffnet eine Türe, eine Perspektive – zum dem Gedanken, dass Trauer Dir nicht nur etwas nimmt, sondern Dir auch etwas gibt.
Zwischen Trauer und Leben pendeln – Das Duale Prozessmodell.
Margaret Stroebe und Henk Schut haben in den späten 1990er Jahren etwas beschrieben, das viele Trauernde mit großer Erleichterung hören: Du musst nicht die ganze Zeit trauern, um wirklich zu trauern.
Ihr Duales Prozessmodell zeigt, dass gesunde ein Trauer ein Pendeln ist – ein Pendeln zwischen zwei Polen. Auf der einen Seite die verlustorientierten Aufgaben: Den Schmerz fühlen. Weinen. Erinnern. Die Realität des Verlustes immer wieder neu spüren. Auf der anderen Seite die wiederherstellungs-orientierten Aufgaben: Den Alltag gestalten. Neue Rollen finden. Lachen dürfen. Weiterleben.
Viele Menschen fühlen sich schuldig, wenn sie einen guten Tag haben. Als wären Freude und Trauer ein Widerspruch. Das Duale Prozessmodell sagt: Sie sind es nicht. Beides gehört dazu. Das Pendeln zwischen den Polen ist keine Verdrängung – es ist der natürliche Rhythmus der Trauer.
Die Verbindung bleibt – Continuing Bonds.
Lange galt Loslassen als das Ziel der Trauer. Wer nach Jahren noch mit dem Verstorbenen spricht, an seinem Grab sitzt, ihm Briefe schreibt, der hatte – so hieß es – den Verlust noch nicht verarbeitet.
Dennis Klass, Phyllis Silverman und Steven Nickman haben diese Ansicht grundlegend verändert. Ihr Continuing Bonds Konzept – entwickelt in den späten 1990er Jahren – zeigt: Die Beziehung endet nicht mit dem Tod. Sie verändert sich.
Du kannst Deinen Vater noch immer um Rat fragen – innerlich. Und Deiner verstorbenen Freundin immer noch von Deinem Leben erzählen. Du kannst Rituale pflegen, die die Verbindung lebendig halten. Das ist nicht krankhaft. Das ist menschlich.
Was sich verändert: Die Bindung verschiebt sich von der physischen und äußeren zur inneren Ebene. Der geliebte Mensch lebt weiter – in Dir, in dem was er Dir hinterlassen hat, in der Art und Weise wie Du durch ihn bist, wer Du bist.
Dieses Konzept ist für meine Arbeit zentral. Und oft ist es das größte Geschenk, das ich jemanden in der Trauer machen kann, nicht die Erlaubnis loszulassen – sondern die Erlaubnis, die Verbindung zu behalten.
Was das Gehirn mit Trauer macht – Neurobiologie.
Mary-Frances O’Connor beschreibt in ihrem Buch „The Grieving Brain“ Trauer als Lernprozess. Das Gehirn hat gelernt, dass dieser Mensch da ist – erreichbar, greifbar, Teil der Welt. Nach dem Tod muss es neu lernen, dass dieser Mensch nun nicht mehr da ist. Und dieser Lernprozess braucht Zeit. Er schmerzt. Und er löst echte, körperliche Reaktionen aus.
Daniel Siegel ergänzt das mit seinem Konzept des „Window of Tolerance“ – dem Bereich, in dem wir Gefühle verarbeiten können, ohne überwältigt zu werden oder abzustumpfen. Traumatische Trauer kann dieses Fenster verengen. Die Arbeit besteht dann darin, es Schritt für Schritt wieder zu öffnen – durch achtsame Begleitung, durch Körperarbeit und dem Wiedergewinnen von Sicherheit.
In meiner Praxis fließen diese neurobiologischen Erkenntnisse unmittelbar in die Körperarbeit mit ein. Craniosacrale Biodynamik und Somato Emotionale Entspannung arbeiten direkt mit dem Nervensystem – nicht um Gefühle wegzumachen, sondern um den Körper so zu regulieren, dass er die Trauer halten kann, ohne davon überflutet zu werden.
Zusammenfassung: Timeline Trauermodelle
Ein zeitlicher Überblick über alle Trauermodelle mit Jahreszahlen und Namen.
(Aufklappen um die Timeline anzusehen)
| Jahr | Autor / Konzept |
|---|---|
| 1915 | Sigmund Freud — Trauer und Melancholie, Trauerarbeit |
| 1944 | Erich Lindemann — erstes Phasenmodell |
| 1946 | Viktor Frankl — Sinnfindung, Trotzdem Ja zum Leben sagen |
| 1969 | Elisabeth Kübler-Ross — Fünf-Phasen-Modell |
| 1977 | John Bowlby — Bindungstheorie und Trauerphasen |
| 1982 | Verena Kast — prozesshafte Trauerphasen |
| 1991 | William Worden — Traueraufgaben |
| 1996 | Klass, Silverman, Nickman — Continuing Bonds |
| 1999 | Stroebe & Schut — Duales Prozessmodell |
| 2008 | George Bonanno — Resilienz in der Trauer |
| 2012 | Daniel Siegel — Window of Tolerance |
| 2022 | Mary-Frances O’Connor — The Grieving Brain |
| 2022 | ICD-11 — Anhaltende Trauerstörung als Diagnose |
Dein nächster Schritt.
Deine Trauer ist einzigartig, vielschichtig und lebendig – so wie Du. Sie kann von keinem Modell vollständig erfasst werden, aber Trauermodelle können Dich in Deinem Trauerprozess unterstützen und Dir Orientierung geben.
Alle Trauermodelle sprechen in ihrem Kern davon, dass Trauer Raum braucht. Und Zeit. Dass sie gesehen werden möchte – von jemandem der achtsam und liebevoll hinschaut. Und dass auch der Körper manches Mal Unterstützung braucht – weil sich Trauer nicht nur im Kopf abspielt, sondern in jeder einzelnen Zelle.
Wenn Du noch tiefer in eines der Trauermodelle eintauchen möchtest, melde Dich bei mir.
Ich erzähle Dir gerne mehr.